Marine Lebewesen sehen sich heutzutage mit allerlei menschengemachten Gefahren konfrontiert. Ihr Lebensraum wird verschmutzt durch Plastikteile und Öllecks, und versauert durch CO2. Für uns vielleicht eine etwas weniger offensichtlich Gefahr: Lärm. Meerestiere nehmen Schaden in einer zu lauten Umgebung. Vom Meiden bestimmter Regionen, bis zu permanenten Gehörschäden und Tod wurden in bisherigen Studien
verschiedenste Konsequenzen mit menschengemachtem Lärm in Verbindung gebracht. Bspw. in Neuseeland gibt es deshalb Lärmpegelregulationen für den Bau neuer Hafenstrukturen. Nicht so für Schiffe, obwohl sie einen beträchtlichen Teil des Lärms verursachen und immer zahlreicher die Meere durchkreuzen. Doch wie stark wird die Kommunikation von Meerestieren tatsächlich durch Schiffe eingeschränkt? Hierzu gibt es bisher kaum Zahlen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Auckland in Neuseeland wirft Licht ins Dunkel: Zum ersten Mal wurden Messungen in einer Küstenregion verwendet um die Beeintrachtigung der Kommunikation von Walen und Fischen vor Ort zu untersuchen. Die Erkenntnisse sind besorgniserregend.
Flirten in der Disco
Jeder, der einmal versucht hat in der Disco ein Gespräch zu führen, ist sich über den Einfluss lauter Geräusche auf Kommunikation bewusst. Grundsätzlich kann jedes Störgeräusch die Hörschwelle für ein gewünschtes Geräusch erhöhen: Man muss in der Disco lauter sprechen. Liegen das Störgeräusch und das Gewünschte auf derselben Frequenz, reicht eine geringere Lautstärke für dieselbe Hörschwellenanhebung. Darum ist eine tiefe Bassstimme in einem Raum voller Sopranisten besser herauszuhören als eine der hohen Stimmen – auch wenn alle gleich laut klingen.
Wale kommunizieren mit Lauten, deren Frequenzbereich teilweise mit Schiffsgeräuschen überlappt. Deshalb ist ihre Kommunikation anfällig dafür von Schiffen gestört zu werden. Viele Arten, wie beispielsweise die in der Studie untersuchten Brydewale, kommunizieren nicht besonders häufig und halten sich dazu oft viele Kilometer von einander entfernt auf. Werden Rufe von Artgenossen nicht gehört, kann dies dazu führen dass sich Individuen nicht begegnen und so potentielle Paarungen nicht stattfinden. Langfristig könnte dies die Population dezimieren. Weniger bekannt ist, dass auch Fische akustisch kommunizieren. Vertreten sind sie in der Studie durch die sogenannten ‘Bigeyes’. Diese gehören zu den Stachelmakrelen, sind vor allem in Riffen zuhause und bewegen sich in Schwärmen. Ihre Kommunikation dient in erster Linie der Aufrechterhaltung des Gruppenzusammenhalts. Auch die Frequenzen ihrer Laute sind teilweise dieselben wie jene von Schiffsgeräuschen.
Für die Studie wurden Geräuschaufnahmen an der Nordostküste Neuseelands gemacht, einer Region die viel Schiffsverkehr sieht. Zusätzlich wurden auf Schiffen angebrachten Positionssendern verwendet. So konnte der Verlauf des Geräuschpegel in Abhängigkeit von der Distanz zum Aufnahmegerät erfasst werden. Die Forscher kombinierten diese Daten mit Kommunikationsraummodellen, um sich ein äusserst genaues Bild der Lärmemissionen zu machen. So konnten sie feststellen wie stark und wann Schiffe die Kommunikation von Walen und Fischen stören.
Auf bis zu einem Fünftel der Tonaufnahmen waren Schiffe zu hören. Brydewale konnten in Anwesenheit von Schiffen in einem Grossteil der Fälle praktisch gar nicht kommunizieren. “Konnten sich unter normalen Bedingungen Artgenossen über ein Dutzend Kilometer verständigen, so war das in Gegenwart eines Schiffes nur über einige hundert Meter möglich, und zwar jeweils während mehrerer Stunden.”, so die Autoren.
Im Falle der Fische zeigt sich ein ähnliches Bild, jedoch war die Kommunikation nur für einige Minuten beeinträchtigt. Akustische Interaktionen spielen sich bei ihnen in höheren Frequenzen ab. Diese werden unter Wasser weniger gut verbreitet. Daher sind hohe Töne weniger weit zu hören und ein vorbeifahrendes Schiff stört die Kommunikation deswegen weniger lange. Doch auch kurze Störungen fatal sein, wenn bspw. eine Warnung vor Fressfeinden unbemerkt bleibt.
Schalldämpfer, Dreissiger Zone und Abendruhe
Anders als bei Öllecks oder Plastikrückständen würde Lärm sofort verschwinden, sobald er nicht mehr verursacht wird. Eine Reduktion würde deshalb rasche Besserung der Lebensraumqualität mit sich bringen. Besserung von nicht zu unterschätzender Grössenordnung: Prognosen von ‘Ports of Auckland’ gehen davon aus, dass der neuseeländische Schiffsverkehr in den nächsten 20 Jahren um 75% zunehmen wird. Eine Entwicklung, die in ähnlicher Art auch andernorts zu beobachten sein wird. An Vorschlägen wie dies zu erreichen wäre mangelt es nicht. Zum Beispiel über die Fahrtgeschwindigkeit: “Wir konnten zeigen dass Kommunikationsbeeinträchtigungen eine Abhängigkeit von der Fahrtgeschwindigkeit der Schiffe aufweisen.”, so Studienhauptautorin Rosalyn Putland. Sie empfehlt ein Tempolimit von 10 Knoten in Küstennähe. Dieses könnte man sogar zeitlich begrenzen, denn: “Bigeyes rufen besonders oft während Morgen- und Abenddämmerung.”, so Putland. Eine Morgen- und Abendruhe würde zumindest den Fischen eine sinnvolle Verschnaufpause bieten.
Vielversprechend sind auch schalldämpfende Anpassungen an Motor und Schiffshülle. Diesen messen die Autoren der Studie langfristig das grösste Potential der Lärmpegelreduktion bei. Letztlich ist es Aufgabe der Politik sich für Massnahmen zu entscheiden. Dass grundsätzlich Handlungsbedarf besteht, konnten Putland und ihre Koautoren mit ihrer Studie aufzeigen.
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